BUND Regionalverband Nordschwarzwald

Waldbewirtschaftung in Zeiten des Klimawandels

23. Oktober 2020 | Umweltbildung & Beratung

"Sehr geehrte Damen und Herren, wir laden Sie herzlich zu unserer diesjährigen Infoveranstaltung zur Waldwirtschaft ein. Wir werden uns im Revier Katharinentaler Senke im Gemeindewald Neulingen einen Überblick über aktuelle Themen von Waldwirtschaft und Klimawandel verschaffen." Andreas Roth, Forstamtleiter Enzkreis

Impressionen  (Patrick Maier / BUND-Nordschwarzwald)

Es schüttet am 23.10.2020 nicht nur im Wald zwischen Göbrichen und Nußbaum, sondern flächendeckend über den gesamten Nordschwarzwald. Viele interessierte Bürgerinnen und Bürger, Naturschützerinnen und Naturschützer und auch viele Behördenvertreterinnen und -vertreter sind der Einladung des Forstamts Enzkreis gefolgt. Im Hinblick auf die bevorstehenden Herausforderungen, die auf uns und den Wald zukommen werden, ist dieser Austausch ein hoffnungsvolles Signal. „In Anbetracht, dass wir uns heute über die Waldbewirtschaftung im Klimawandel mit Hitze- und Trockenstress austauschen wollen“, so Andreas Roth, Amtsleiter im Forstamt Enzkreis, „sollten Sie sich vom Regen nicht täuschen lassen. Besonders in tieferen Erdschichten haben wir immer noch ein Wasserdefizit.“

Hinweis: Die bebilderte Reportage finden Sie hier: Link

„Zwischen 2018 und 2020 war es viel zu trocken“, erklärt Jana Kohler, zuständig für hoheitliche Aufgaben und Controlling beim Forstamt Enzkreis. „Die Dürrekarte von Deutschland zeigt eindrücklich, wie sich die großen roten Flächen ausgebreitet haben.

„Problematisch ist, dass das mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen Ausreißer darstellt, sondern ziemlich genau die Klimaprognosen widerspiegelt.  Es wird wärmer (oben links) und es wird trockener (unten links). Wenn wir die Niederschläge der letzten Jahrzehnte auswerten, ist dieser Trend (rechts) bereits sichtbar. Wir erwarten, dass Wetterlagen länger anhalten und während der Vegetationsperiode immer wieder Niederschläge fehlen werden. Bezugnehmend auf die Prognosen der Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) von Baden-Württemberg in Freiburg müssen wir davon ausgehen, dass der Wald niedriger, vorratsärmer und eichenreicher sein wird“, so Kohler.

Vor einem Fichtenpolder stehend erklärt Martin Schickle, Revierleitung Neulingen/Ispringen, dass die Fichte der große Verlierer im Klimawandel sei. „Borkenkäfer, Trockenheit und Sturm setzen der Fichte stark zu. Vor 2 Jahren haben wir für den Festmeter noch ca. 100 Euro bekommen, jetzt sind es noch 25—40 Euro. Das ist nicht einmal mehr kostendeckend. In Lagen mit guter Wasserversorgung hoffen wir auf die Douglasie als Rohstofflieferant. Sie ist bis jetzt weniger anfällig und bringt gute Holzeigenschaften für den Markt mit. Im Revier ist uns dabei aber wichtig, dass wir unter der Douglasie eine laub- und nadelbaumreiche Naturverjüngung haben.“

Exkurs: Die Douglasie, ein Reizthema zwischen Forst und Naturschutz

Die Douglasie ist immer wieder ein Reizthema zwischen Forst und Naturschutz. Sie war vor der Eiszeit in Europa heimisch und dann über lange Zeit verschwunden. Heute wird sie vom Forst aber auch von Privatwaldbesitzerinnen und -besitzern verstärkt als Ersatz für die Fichte eingebracht. In manchen Schwarzwaldlagen verjüngt sie sich selbst und könnte als invasiv bezeichnet werden. Die Wissenschaft hat in diesem Punkt noch keinen Konsens gefunden. In Bezug auf die Artenvielfalt zeigen Untersuchungen, dass es mehrere Tier- und Pflanzenarten gibt, die auch in Wäldern mit einem höheren Douglasien-Anteil vorkommen. Es sind jedoch weniger als in einem vergleichbaren Wald mit heimischen, standortangepassten Baumarten. Pilze nutzen die Douglasie aktuell kaum. Gerade bei Reizthemen wird der Mehrwert solch einer Exkursion sichtbar. Sie bietet einen Rahmen für einen offenen Austausch, bei dem es nicht darum geht, Recht zu haben, sondern die andere Position zu verstehen und damit, wie im Wald, Vielfalt zu schaffen.

Im Revier, erklärt Schickle, geht es darum, mehrere Funktionen zu erfüllen. „Wir brauchen zum Beispiel Holz zum Bauen und für die Energieversorgung und gleichzeitig wollen wir einen ökologisch stabilen Wald mit guter Durchmischung. Eine Beteiligung zahlreicher Nadel- und Laubbaumarten senkt das Risiko, dass der Wald bei zunehmender Trockenheit Schaden erleidet. Das ist aber ein langwieriger Prozess und soll vor allem über Naturverjüngung geschehen. Pflanzungen sind dabei nicht das erste Mittel der Wahl. Bäume, deren Wurzeln in jungen Jahren bei Pflanzaktionen abgeschnitten wurden, verkraften diesen Eingriff oft nur schlecht und zeigen selbst nach vielen Jahren noch Spuren des Eingriffs. Wenn Pflanzungen erfolgen müssen, sollten die Setzlinge noch jung sein, ein intaktes Wurzelwerk haben und gegen Wildtierverbiss geschützt werden.“

Für die Natur ist es wichtig, dass trotz der Nutzung des Rohstoffs Holz viele verschiedene Lebensräume im Wald vorhanden sind. Dazu gehören auch Kahlschläge. Lange Zeit wurden sie vermieden. In den letzten Jahren hat man aber erkannt, dass die Natur solche kleinräumigen Freiflächen von bis zu einem Hektar braucht. „Lücken für die Küken“ ist beispielsweise ein Projekt, bei dem Freiflächen im Wald für das Auerhuhn und andere Arten geschaffen werden. Außerdem brauchen wir ältere Bäume, absterbende Bäume und Totholz auch im wirtschaftlich genutzten Wald. Viele Arten sind von diesen Lebensräumen abhängig, stellt der Forst dar.

Im immer noch strömenden Regen laufen wir über eine größere Freifläche mit Buchen, Eichen, verstreuten Kirschen und Nussbäumen und kommen dann unter einer Gruppe von 150—180 Jahre alten Buchen zum Stehen. Schickle erklärt, dass sie ihr monetäres Optimum schon länger überschritten haben und nun als Habitatbaumgruppe vor allem der Ökologie dienen sollen.

Zum Schluss erreichen wir in der Nähe unseres Ausgangspunktes eine Lichtung am Waldrand. Unter verstreut stehenden großen Eichen wächst hier die nächste Generation bereits nach. Die kleinen Eichen brauchen viel Licht und überleben nur, wenn der Kronenschirm aufgelichtet wird. Große Hoffnung liegt auf der Wärme- und Trockenheitstoleranz und der genetischen Vielfalt der tausenden kleinen Eichen.

Vor allem der hohe Wildbestand macht den jungen Laubbäumen und dem Wald zu schaffen. Die kleinen Bäumchen sind ein Leckerbissen für Rehe und Eicheln und Bucheckern beispielsweise für Wildschweine. „Auf Grund von milden Wintern überleben sehr viele Tiere diese Jahreszeit. Der natürliche Flaschenhals geht damit immer mehr verloren. Dazu kommt noch, dass sich die Tiere dank einem sehr hohen Nahrungsangebot stark vermehren. Durch die Landwirtschaft und üppige Eichel- und Buchäckern-Masten stehen das ganze Jahr über viele proteinreiche Nahrungsquellen zur Verfügung“, so Bernhard Brenneis, zuständig für Jagd und Wildtierbeauftragter im Enzkreis. „Letztendlich steht und fällt die neue Waldgeneration mit der Jagd und der Zusammenarbeit mit der Jägerschaft. Wenn man Bundesländer wie Brandenburg anschaut, wo es aktuell 47 Wolfsrudel und gibt und die Schwarzwilddichte (102.000 Stück geschossenes Schwarzwild) trotzdem deutlich angestiegen ist, wird klar, dass der Wolf auch hier im Schwarzwald keine regulierende Rolle im System einnehmen können wird.“

Die Exkursion zeigt, was schon länger klar ist. Der Trend geht in Richtung Nachhaltigkeit. Schön wäre ein Austausch mit den entscheidenden Akteuren aus Landwirtschaft, Jägerschaft, den Kommunen und Privatwaldbesitzenden.

 

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