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BUND Regionalverband Nordschwarzwald

Pressemitteilung: Massentierhaltung und Massenunterkünfte – 59 Kilo Fleisch sind nicht systemrelevant

22. Mai 2020 | Landwirtschaft, Massentierhaltung, Nachhaltigkeit, Ressourcen & Technik

Wie so oft hofft die Politik auch bei der Fleischproduktion auf das Verantwortungsgefühl der Industrie, die Vernunft der Verbraucherinnen und Verbraucher und setzt auf Freiwilligkeit.

Pforzheim. Pro Jahr isst jeder Deutsche im Durchschnitt 59 Kilogramm Fleisch. (Fleischatlas 2018) Die negativen Folgen für Umwelt, Klima, Tiere und Menschen sind weltweit, landesweit und auch lokal auszumachen. Das größte Leid trifft dabei die Schwächsten. Massentierhaltung mit minimalen Standards bei Aufzucht, Haltung und Transport oder Keulungen ganzer Bestände im Seuchenfall gehören genauso in diese Reihe wie fragwürdige Beauftragungen von Subunternehmern und die Unterbringung von Werksvertragskräften in Massenunterkünften. Als Folge dieser Wirtschaftsweise haben sich 399 Mitarbeitenden der Müller Fleisch GmbH mit Hauptsitz in Birkenfeld mit dem Corona-Virus infiziert. Das Unternehmen darf – weil systemrelevant – trotzdem weiterproduzieren.

Die Situation bei Müller Fleisch ist keine Ausnahme. Deutschlandweit wird in immer mehr fleischverarbeitenden Betrieben eine hohe Anzahl infizierter Mitarbeitenden festgestellt. Beispielsweise berichtete der WDR am 8.5.2020 darüber, dass in Coesfeld 196 Mitarbeitende von Westfleisch positiv auf Corona getestet wurden. Der Schlachthof wurde hier jedoch vom Gesundheitsministerium vorübergehend geschlossen. Der Ausnahmestatus für Müller Fleisch ist vor diesem Hintergrund nur schwer nachvollziehbar.

Eine Betriebsschließung wäre stringent, würde allerdings nicht die Grundproblematik unserer mächtigen und für alle Beteiligten ungesunden Fleischindustrie lösen. In einem hocheffizienten Prozess und mit Hilfe von Subunternehmen wird im Rahmen der Gesetze und Regularien Fleisch zu Dumping-Preisen produziert. Gestärkt wird die Fleischindustrie dabei von einer einflussreichen Lobby im Hintergrund. Von der Käuferseite aus betrachtet kommen nur wenige Impulse, um an diesem System etwas zu ändern. Im Großen und Ganzen entscheiden sich die Verbraucherinnen und Verbraucher weiterhin für Billigware. BSE, Pferde- oder Gammelfleisch-Skandale sind schnell vergessen. Die Politik hofft auf das Verantwortungsgefühl der Industrie, die Vernunft der Verbraucherinnen und Verbraucher und setzt mit dem staatlichen Tierwohllabel weiterhin auf Freiwilligkeit. Wie viel Wert dieses Label hat, zeigte die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft selbst. In „Kochen mit Lafer“ am 3. Mai nehmen weder Redaktionsteam und Koch, noch die Ministerin Julia Klöckner (CDU) Anstoß daran, Fleisch der Haltungsstufe 1 (Mindeststandard) zu verarbeiten. Im Mindeststandard hat das Schwein Anspruch auf 0,75 Quadratmeter Fläche und einfache Beschäftigungsmaterialien wie eine Metall-Weichholz-Kette. Das führt beispielsweise zu Leerkauen, Stangenbeißen und Kannibalismus unter den Tieren und geht in vielen Fällen nicht ohne Medikamente und Antibiotika.

Der BUND fordert einen grundlegenden Umbau der Fleischwirtschaft. Auf Bundes- und EU-Ebene müssen dafür die politischen Weichen gestellt werden. Uns ist bewusst, dass es nicht das eine, einzelne, wirkungsvolle Instrument gibt. Es muss und wird immer ein Kanon sein, der sich an die Konsumentinnen und Konsumenten, an den Handel und an die Produzenten und Produzentinnen wendet. Es bedarf zudem der Aufklärung, vieler Kampagnen und vor allem politischen Mutes, sich mit denjenigen anzulegen, die – auf Kosten von Mensch, Tier und Natur – am heutigen Produktionsmodell verdienen. Aber welche politischen Instrumente auch immer für den Wandel eingesetzt werden: Eine nachhaltige Fleischproduktion gibt es nur, wenn sich der Konsum verringert, hier in Deutschland und auch in vielen anderen Ländern auf der Welt.

59 Kilo sind nicht systemrelevant – 59 Kilo sprengen das System!

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