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BUND Regionalverband Nordschwarzwald

Die Tausendsassas vom Heckengäu

Gemütlich ist es im Garten von Simone Reusch in Mönsheim. Vom Schatten der Terrasse aus kann ich Kohlmeisen und Stare beobachten und sehe, wie sich die Familien-Schildkröten im Auslauf sonnen. Schön ist es hier. Die Pflanzen, Büsche und Bäume sind zwar etwas in Form gebracht, dürfen aber trotzdem noch Natur sein. Mit Inga Junge, Moni Klinger und Simone Reusch sind wir heute zu viert. Ich bin gespannt, was die Ortsgruppe Heckengäu bewegt und was sie mir zeigen werden.

Im Garten von Simone Reusch Die Schildkröten im Garten fühlen sich im Halbschatten wohl.  (Patrick Maier / BUND Nordschwarzwald)

Bisher habe ich viel über die Aktionen gelesen. Angefangen von einem Bericht über die Amphibienwanderung, über die Bitte für Igel und Kleinlebewesen auf Mähroboter zu verzichten bis hin zum Turmfalken. In den 2 Monaten, in denen ich nun Geschäftsführer bin, hat sich die Gruppe bildlich gesprochen vom Wasser bis in die Luft durchs Tierreich gearbeitet.

Planung der Exkursion im Garten von Mönsheim Inga, Patrick, Moni und Simone im Garten in Mönsheim  (Patrick Maier / BUND Nordschwarzwald)

„Aktuell“, so wird mir berichtet, „beschäftigt uns wieder einmal das Ochsenwäldle. Im Westen der Autobahnausfahrt Pforzheim Süd plant die Stadt Pforzheim rund 61 ha Wald in ein Gewerbegebiet umzuwandeln. Ökologisch ist das sehr bedenklich. Die Fläche liegt komplett im Landschaftsschutzgebiet und befindet sich zwischen 2 FFH-Gebieten.“ FFH-Gebiete wurden für den Schutz der Tier- und Pflanzenwelt, aber auch zum Schutz von Lebensräumen ausgewiesen. „Außerdem machen wir uns große Sorgen um das NIKE-Areal. Während des Kalten Kriegs hatten die US-Streitkräfte hier eine Raketenabschussstation. Das Areal liegt nur rund 100 Meter vom geplanten Gewerbegebiet entfernt. Auf dem Areal haben viele seltene Arten einen Lebensraum gefunden. Neben den Lebensräumen würden auch andere Wichtige Funktionen des Waldes verloren gehen. Das Gebiet ist für die Bürgerinnen und Bürger ein schöner Erholungsort und im Klimawandel brauchen wir den Wald als Frischluftproduzent und als Wasserspeicher.“

„Problematisch ist,“ so die Gruppe, „dass viele Gemeinden lieber an Ihren Rändern bauen (Abrundung) und ihre Potenziale zur Innenverdichtung in den Ortskernen nicht nutzen. Es kommt uns so vor, dass die ökologischen Ziele häufig zugunsten von Gewerbe- oder Einkommensteuer geopfert werden. Dabei ist die Natur unser wertvollstes Gut. Schön wäre es, wenn die Gemeinden über den Tellerrand hinausschauen und miteinander ein ökonomisch, ökologisch und gesellschaftlich nachhaltiges Flächenmanagement betreiben würden. Unendliches Wirtschaftswachstum ist in einer endlichen Welt nicht möglich. Der Flächenverbrauch zulasten der Natur muss gestoppt werden. Bis es so weit ist, hängt viel an den Bürgerinnen und Bürgern selbst. Die Menschen müssen sich vernetzen und für den Natur- und Umweltschutz einstehen. Was dann möglich ist, wird am Beispiel von Wiernsheim klar. Über einen Bürgerentscheid wurde ein mit 2,7 ha großes Neubaugebiet am Ortsrand erfolgreich verhindert.

Blühstreifen und Hecken sind oft noch die letzten Rückzugs- und Lebensräume für viele Arten wie Wildbienen Die Wildbiene lebt nicht vom Haus allein. Sie braucht auch Nistmaterial und Lebensräume  (Patrick Maier / BUND Nordschwarzwald)

Auf dem Weg zu meinem heutigen Höhepunkt, den Fledermäusen im Dachstuhl der Kirche von Mönsheim, halten wir kurz auf dem Parkplatz der Appenbergsporthalle. „Die Justizvollzugsanstalt Heimsheim hat im Rahmen ihres Projekts Eizelle für uns ein Wildbienenhaus gezimmert. Unter dem Titel Naturschutzprojekte aus dem Knast hat die JVA viele unterschiedliche Angebote für den Naturschutz im Sortiment. Viele unterschiedliche Arten sollen hier ein Zuhause finden. Wir beobachten, welche Nisthilfen die Wildbienen gerne annehmen und können dann auch nachsteuern.“ „Genauso wichtig wie das Bienenhaus ist auch die Blühfläche davor. Über das ganze Pflanzenjahr hinweg finden die Bienen und Insekten hier Nahrung.“ berichtet die Gruppe. Immer wieder bekomme ich mit, dass solche wilden Blühflächen als ungepflegt wahrgenommen und kritisiert werden. In einer aufgeräumten Naturlandschaft sind aber genau diese wilden Ecken überlebenswichtig für viele Arten.

Das Große Mausohr lebt häufig in alten Kirchendachstühlen und ist unsere größte heimische Fledermausart Großes Mausohr (Myotis myotis)  (Patrick Maier / BUND Nordschwarzwald)

Der historische Ortskern von Mönsheim strahlt trotz dem geschäftigen Treiben der Bauarbeiten eine gewisse Ruhe aus. In den alten Gemäuern und Dachstühlen haben Turmfalken und Mauersegler ein Zuhause gefunden. Ich bin schon sehr gespannt auf die Fledermäuse, die sich im Dachstuhl der Kirche befinden sollen. Mit rotleuchtenden Taschenlampen ausgestattet steigen wir die knarrende Luke nach oben. „Wir haben rote Lampen. Das stört die Fledermäuse nicht so sehr,“ erklärt Simone. „Vor allem das Große Mausohr lebt hier im Dachstuhl. Die Weibchen ziehen in den Wochenstuben ihre Jungen groß. Weil es manchmal ziemlich zugig ist, haben wir Wärmeboxen angebracht. Mit den Männchen, die sich im Glockenturm aufhalten, leben insgesamt rund 100 Fledermäuse hier. Ohne den Einsatz der BUND-Gruppen Heckengäu wäre dieser Erfolg so wahrscheinlich nicht möglich. Es hatten sich Tauben eingenistet und deswegen wurden Gitter angebracht. Damit sind auch die Fledermäuse ausgesperrt worden. Wir haben einen Deal mit der Kirche ausgehandelt, haben die Tauben gefangen, die Gitter entfernt und durch Einflugschneisen ersetzt. Außerdem machen wir hier regelmäßig sauber. Das mussten wir der Kirche und der Mesnerin versprechen,“ berichtet Simone. Fledermäuse sind faszinierende Tiere. Beispielsweise sind sie die einzigen Säugetiere, die wirklich fliegen können. Ihr Ruf ist aber nicht durchweg positiv und so besteht immer wieder Skepsis bei dem Gedanken daran, Fledermäuse im eigenen Haus zu beherbergen. Ich allerdings bin begeistert als die ersten Großen Mausohren im Licht der Taschenlampe auftauchen. Eng gedrängt hängen die Weibchen mit den Jungtieren im Gebälk. Wir sind leise und versuchen mit ruhigen Bewegungen nicht zu viel Unruhe zu verursachen. Um zu den Männchen zu gelangen, steigen wir nochmal ein Stockwerk nach oben. Schmal und steil sind die Treppen hier aber der Aufstieg lohnt. Eine größere Gruppe männlicher Tiere taucht im Lichtkegel auf und wartet auf den Abend und die Nacht, wenn Sie wieder auf Insektenjagd gehen. „Problematisch für viele Arten, nicht nur Fledermäuse, ist die ständige Beleuchtung von Gebäuden oder Straßen. LED-Leuchten sparen zwar Energie aber sie verleiten auch dazu, ständig das Licht anzulassen. Manchmal aus vermeintlichen Sicherheitsgründen, oft aber auch einfach nur der Optik wegen. Lichtverschmutzung ist nicht nur bei uns in Mönsheim eine große Herausforderung. Die Störwirkungen sind rund um die Welt im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar.

Seltene Pflanzen brauchen besondere Standorte wie Magerrasen. Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera)  (Patrick Maier / BUND Nordschwarzwald)

Auf dem Weg zurück zum letzten Halt kommen wir an den Straßenabschnitten vorbei, wo die Gruppe jedes Jahr im Frühjahr Amphibienzäune aufstellt und Helferinnen und Helfer organisiert, die beispielsweise die Kröten unter großem zeitlichem Aufwand morgens und abends über die Straße zu ihren Laichgewässern trägt. Viel Aufwand bedeutet auch die Pflege der Blühwiese der BUND-Gruppe. Am Waldrand hat sich durch die späte Mahd und die Entnahme von Schnittgut, als Nährstoffen, ein Magerrasen entwickeln können. Solche Flächen sind heute selten. Viele spezialisierten Arten können sich nicht gegen wachstumsstarke Pflanzen durchsetzen. Sie können nur auf solchen Standorten überleben. Die Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera) ist so eine Pflanze. Wie alle heimischen Orchideenarten steht auch die Bienen-Ragwurz nach Bundesartenschutzverordnung unter besonderem Schutz. Die Bienen-Ragwurz ist eine echte Rarität. Sie gehören wegen ihren hohen Ansprüchen zu den seltensten und am meisten bedrohten Pflanzenarten in Deutschland. Die Unterlippe der Blüte sieht so ähnlich aus wie manche weiblichen Wildbienenarten. Die Männchen fallen auf die Täuschung herein und werden von der Bienen-Ragwurz als Pollenverteiler missbraucht. Mehr Inforationen gibt es hier: https://www.bund-hessen.de/arten-entdecken/bienen-ragwurz/

Schon kurz nach unserem Treffen klingelt mein Telefon in der Geschäftsstelle. Ohne viel Zeit zu verlieren fragt Simone nach der Stellungnahme zum abschnittsweisen Mähen der Grünstreifen. Ich habe ihr versprochen, über den Text zu lesen und meine Anmerkungen einzuarbeiten. Grünstreifen stellen für viele Insekten und Käfer die letzten Rückzugs- und Lebensräume dar und werden von den Gemeinden und der Straßenmeisterei häufig genau dann gemäht, wenn die Pflanzen in voller Blüte stehen und auch die Landwirtschaft ihre Flächen mäht. Die Käfer und Insekten haben dann kaum noch Möglichkeiten, wo sie Nahrung und Unterschlupf finden können. Ich sichere ihr zu, dass sie den Text zeitnah bekommt und hoffe, dass ich es auch einhalten kann.

3 Fragen an…

Simone Reusch und Inga Junge

Am Ostrand des Schwarzwalds gelegen bietet das Heckengäu als Kulturlandschaft vielen Arten eine ganz besondere Heimat. Zwischen Magerrasen, Streuobstwiesen und Schlehenhecken gedeihen wilde Orchideen und heimische Enzianarten. Alte Gemäuer und Bäume beherbergen Fledermäuse und Steinkäuze und im Wald leben Reptilien, Gelbbauchunken, Molche, Kröten und Libellen. Viele Natur- und Landschaftsschutzprojekte laufen im Heckengäu über Simone Reusch. Inga Junge hat unter anderem die Öffentlichkeitsarbeit der Gruppe übernommen und bereitet fast jede Woche einen kleinen Text für das Gemeindeblatt vor. In Vertretung der vielen anderen Helferinnen und Helfer, haben die beiden bei „3 Fragen an…“ mitgemacht.

Wie seid ihr zu Naturforscherinnen geworden?

Simone: „Ich bin mit Haus- und Nutztieren groß geworden. Zum Naturschutz bin ich mit etwa 10 Jahren gekommen. Wir haben dem Förster damals geholfen, die Kröten über die Straße zu tragen. Wenn man nicht wegschaut, erkennt man 1.000 Möglichkeiten, etwas vor Ort zu tun.“

Inga: „Natur lag mir schon immer am Herzen und ich wollte schon immer einen eigenen Garten mit viel Leben und vielen Arten haben. Es wurde kein Garten, sondern ein kleiner Urwald. Bei der naturnahen Gestaltung hat mir die BUND Gruppe im Heckengäu geholfen. Ich habe dabei nicht nur die Mitglieder kennengelernt, sondern auch gesehen, was der BUND hier alles leistet. Es macht mir Freude, hier dabei zu sein.“

Was liegt euch am Herzen?

Simone: „Wir sind das ganze Jahr über beschäftigt. Im Frühjahr kümmern wir uns um die Amphibien an den Straßen, im Herbst machen wir Pflegeeinsätze in der Landschaft. Damit stellen wir zum Beispiel sicher, dass Flächen nicht zu wachsen und schützen so Orchideen. Gemeinsam mit dem Regierungspräsidium, der Gemeinde und den Schäfern vor Ort haben wir unter anderem ein Beweidungskonzept zum Schutz der Offenlandfläche erarbeitet und umgesetzt. Darüber hinaus kümmern wir uns um Fledermäuse, Turmfalken, Mauersegler klären die Menschen auf und versuchen politisch die Weichen hin zu mehr Nachhaltigkeit zu stellen. Kritisch sehen wir zum Beispiel, dass LEDs zwar sehr viel sparsamer sind als herkömmliche Glühbirnen, dafür aber häufig viel mehr LEDs eingesetzt und sie die ganze Nacht über brennen gelassen werden (Lichtverschmutzung). Viel wichtiger wäre es nur soviel Beleuchtung wie nötig und keine Bodenstrahler zu verwenden, oft würden auch Bewegungsmelder völlig ausreichen. Das Ziel muss Energieeinsparung sein.

Ein anderes Problem ist, dass viele Straßenabschnitte sehr früh im Jahr und zum selben Zeitpunkt gemäht werden. Wenn die Blühpflanzen zu früh zurückgeschnitten werden, fehlt ihnen die Zeit sich zu vermehren. Insekten wiederum sind auf diese Pflanzen angewiesen und Vögel auf die Insekten. Diese Kette zieht sich fort und letztendlich leidet ein ganzes Ökosystem.

Laichgewässer für Amphibien fallen wegen dem Klimawandel immer häufiger trocken. Viele Tiere können sich dann nicht mehr fertig entwickeln. Eine gemeinsame Lösung mit der Verwaltung wäre hier wünschenswert."

Inga: "Mir ist wichtig, erst mal vor der eigenen Haustür zu kehren – im Kleinen anfangen und vor Ort etwas Gutes für die Natur und Umwelt tun. Nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kinder und Kindeskinder. Das kann im eigenen Garten sein, zum Beispiel wenn man Blühflächen anlegt oder es kann sein, dass man bei einer Fleckenputzete mitmacht. Es macht Freude, gemeinsam etwas für die Natur und Umwelt zu tun."

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Simone: „Ich würde mir wünschen, dass wir die Natur mehr achten und schützen würden. Manchmal kommt es mir so vor, als sei die Natur nur noch Kulisse für den Sport oder ein schönes Foto. Wir alle können etwas tun. Wir können weniger Müll produzieren, wir können nachhaltige Produkte kaufen oder uns bei Pflegeprojekten engagieren. Schön wäre es, wenn mehr jüngere Menschen bei unseren Aktionen mitmachen würden.

Besonders wichtig ist mir auch, den Fläschenverbrauch und das Bauen auf der Grünen Wiese einzudämmen. Wir sollten uns stattdessen an den Grundsatz Innenentwicklung vor Außenentwicklung halten und eine verdichtete Bauweise anstreben. Dies war auch ein Grund, für den Gemeinderat anzutreten."

Inga: „Eine reine Luft, viele Insekten und dass fossile Brennstoffe überwunden werden.“

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