Ohne Wind und Sonne keine Energiewende

Vor Jahren hätte man noch geschrieben: Einen Vorgeschmack auf den Klimawandel haben wir in den letzten 4 Jahren gesehen. Nach 3 Jahren Dürre und Waldsterben erleben wir dieses Jahr Überflutungen mit katastrophalen Auswirkungen. Die hohen finanziellen Schäden wiegen dabei weniger schwer als die vielen menschlichen Tragödien. Heute müssen wir sagen: Der Klimawandel ist da, Dürren und Überflutungen bedrohen zunehmend und stärker werdend unsere Existenz.

Ohne Energiewende kein Klimaschutz: Die Energiewende in Deutschland läuft – freundlich formuliert – schleppend. Die Windenergie spielt eine entscheidende Rolle einer dezentralen und regenerativen Energieversorgung. Im Nordschwarzwald gibt es diverse Standorte, die genügend Wind versprechen. Als Natur- und Umweltschutz kommt uns in dieser Gemengelage eine schwere Aufgabe zu: Es geht darum:

  • Standorte zu unterstützen, wo aus ökologischen Gesichtspunkten vertretbar Windenergie gewonnen werden kann.
  • Standorte zu verhindern, wo Schäden für die Natur zu groß sind.
  • Unterscheiden zu können, ob es vertretbare oder nicht-vertretbare Standorte sind.
  • Ohne politische und monetäre Hintergedanken zu überprüfen, dass die Planungsverfahren korrekt geführt werden.

Der Schlüssel zu diesen Aufgaben liegt vor allem in den naturschutzfachlichen Gutachten. Das bedeutet, es braucht hohe Standards und vergleichbare Kennzahlen, auf deren Grundlage die Bewertungen getroffen werden. Wenn vor Ort Wissen zum Artenschutz, beispielsweise über Horstbäume vorliegt, muss dieses Wissen frühzeitig in die Untersuchungen Eingang finden. Die Öffentlichkeit muss dafür frühzeitig zum Beispiel nach den Guidelines der VDI 7000 eingebunden werden.

Lageplan Windpark Langenbrand  (BayWa r.e. Wind GmbH)

Ein vielversprechender Windenergie-Standort befindet sich auf den Gemarkungen der Gemeinde Schömberg (bei Langenbrand) und der Stadt Neuenbürg (bei Waldrennach) im Staatsforst. 4 Anlagen mit einer jeweiligen Nennleistung von 4,5 MW sollen dort in einem 1. Bauabschnitt errichtet werden. In einem 2. Bauabschnitt sollen 3 weitere Anlagen dazukommen.

Hubsteiger  (Patrick Maier / BUND-Nordschwarzwald)

Gemeinsam mit Andrea Molkenthin-Keßler vom Dialogforum Erneuerbare Energien und Naturschutz von BUND und NABU und Luca Bonifer vom NABU BW haben wir uns als BUND-Nordschwarzwald am 27.7.2021 auf der Langenbrander Höhe getroffen, um uns mit dem Projektierer der BayWa r.e. und dem Umweltgutachterbüro auszutauschen – und um einen Blick über die Baumkronen zu werfen.

Aufwändige Planung, unklare Richtlinien und freiwillige Hinweise

Wäre es nicht auch für die Projektiererseite wünschenswert, möchte ich als Vertreter vom BUND-Nordschwarzwald wissen, wenn Planungen schneller zu einem Ergebnis geführt werden könnten – egal, ob dann gebaut wird, oder ein Planungsstandort verworfen wird? „Die Planungen von Windenergieanlagen sind äußerst aufwändig und erfordern in der Regel viel Zeit“, bestätigt Thomas Reinhold, Projektentwickler der BayWa r.e. „Mit Blick auf die Politik, die Entscheidungen von Landratsämtern und Gemeinden, die Bürgerinnen und Bürgern und auch den Naturschutz sind viele Akteure im Prozess involviert. Noch komplexer wird es, wenn über Gemarkungsgrenzen hinweg geplant wird. Die Planungen könnten deutlich beschleunigt werden, wenn frühzeitig ein gemeinsamer Konsens mit Behörden, Verbänden, Kommunen und nicht zuletzt auch den Bürgerinnen und Bürgern gefunden wird. Wir Projektierer müssen das Gespräch frühzeitig suchen und alle Beteiligten einbeziehen, was uns bei diesem Projekt sehr gut gelingt.“

Im Koalitionsvertrag der Landesregierung von Baden-Württemberg wird „eine Vergabeoffensive für die Vermarktung von Staatswald- und Landesflächen für die Windkraftnutzung“ als Ziel ausgegeben. „So können wir“, schreibt die Landesregierung, „die Voraussetzungen für den Bau von bis zu 1000 neuen Windkraftanlagen schaffen. Dazu wollen wir die Vergabeverfahren vereinfachen […].“

Hubsteiger  (Patrick Maier / BUND-Nordschwarzwald)

Wie wird sichergestellt, frage ich den Umweltgutachter Frank Adorf vom Büro für Faunistik und Landschaftsökologie (BFL), dass nicht gegen Naturschutzrecht verstoßen und beispielsweise das Tötungsrisiko von geschützten Arten signifikant (Bundesnaturschutzgesetz § 44) erhöht wird? „Es gibt die alten (2020) und neuen Hinweispapiere (2021) des Umweltministeriums und der LUBW für eine standardisierten Untersuchungsablauf. Beide können als Grundlage angelegt werden. Es steht der Gutachterin oder dem Gutachter frei, welches sie oder er benutzen möchte. Darüber hinaus gibt es noch die Qualitätskriterien für „Gute Artenschutzgutachten“ von BUND, Berufsverband Landschaftsökologie Baden-Württemberg e. V. (BVDL), Bundesverband WindEnergie e.V. (BWE), Landesnaturschutzverband (LNV) und NABU, die für die Gutachten hinzugezogen werden können.“

Gibt es eigentlich eine Art TÜV oder Zertifizierung, die eine Gutachterin oder ein Gutachter braucht? „Nein“, so die kurze Antwort. „Die meisten Gutachterinnen und Gutachter kommen aus einem fachspezifischen Studiengang wie der Biologie. Das bedeutet aber nicht, dass sie dann als junge Absolventen schon eigenständig arbeiten können. Wichtig ist, dass sie mit und von erfahrenen Gutachterinnen und Gutachtern lernen und sich regelmäßig fortbilden. Wie gut oder weniger gut das gemacht wird, liegt im Ermessensbereich des jeweiligen Büros.“

Das Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende weist in seiner Studie (2019) zum Fachdialog „Empfehlungen für die Qualitätssicherung von Fledermausgutachten in Planung und Genehmigung von Windenergieanlagen“ mit Blick auf die Qualität der Gutachten darauf hin, dass „der Bedarf nach Fledermausgutachten für Windenergieanlagen in den letzten Jahren stark angestiegen sei. Parallel dazu seien zahlreiche Gutachter und Gutachterinnen ohne große Vorerfahrungen in das Themenfeld eingestiegen, was den Bedarf an Qualifikationsmöglichkeiten erhöhe.“ BUND, NABU und LNV haben diese Probleme bereits vor einigen Jahren (Studienveröffentlichung 2017) erkannt und Qualitäts-Checks von Windenergiegutachten durchgeführt. „Dabei hat sich bestätigt, dass die Gutachten teilweise in erheblichem Umfang methodische Mängel aufweisen.“

Als Naturschutzvertreter in der Region kann ich mich mit dieser Situation nicht wirklich anfreunden. Im Qualitätskriterienkatalog für „Gute Artenschutzgutachten“ wird schon in der Einführung dargestellt, dass „qualifizierte Artenschutzgutachten ein Schlüssel dafür sind, dass die Belange des Natur- und Artenschutzes von den Genehmigungsbehörden im Planungsverfahren sachgerecht beurteilt werden können.“ Gleichzeitig kann – in einer Phase, in der der Windenergieausbau deutlich beschleunigt werden soll – nicht davon ausgegangen werden, dass

  • die Begutachtenden ausreichend qualifiziert sind, weil keine Zertifizierungspflicht vorliegt,
  • die aktuellen LUBW-Hinweise angewendet werden, weil auch noch die alten Hinweispapiere gelten und
  • die Kriterien für „Gute Artenschutzgutachten“ angewandt wurden, weil sie freiwillig sind.

Der BUND hat sich dem Naturschutz verpflichtet und stellt damit eine entscheidende monetär und politisch unabhängige Instanz dar. In der aktuellen Klimakrise bedeutet das (vereinfacht gesagt): Windenergie ist zu unterstützen, solange nachweislich keine schwerwiegenden ökologischen Aspekte dagegensprechen. Mit Blick auf die politisch geplante und für die Energiewende benötigte Anzahl an Anlagen stellt sich die Frage, wie wir diesen Prozess mit unseren Kapazitäten begleiten können. Eine allgemeingültige Antwort ist für den Nordschwarzwald nur schwer zu geben. Wichtig ist aber immer eine frühzeitige Beteiligung der Akteure und ein transparenter und fairer Austausch vor Ort.

Wie so ein Austausch aussehen kann, zeigt das gemeinsame Treffen. Mich interessiert, wie über das Dialogforum die Energiewende begleitet werden soll. Andrea Molkenthin-Keßler erklärt: „Das Dialogforum Erneuerbare Energien und Naturschutz setzt sich frühzeitig im Planungsprozess für einen konstruktiven Dialog zwischen den Akteuren ein und sorgt so dafür, dass Planungen und Standortentscheidungen möglichst naturverträglich ausfallen. Wichtig ist, dass wir dafür die Büros, Behörden, Naturschützerinnen und Naturschützer, sowie die interessierte Bürgerschaft an einen Tisch bekommen.

Impressionen Hubsteiger  (Patrick Maier / BUND Nordschwarzwald)

Der Rest ist einfach nur schön und spannend. Zusammen geht es mit dem Hubsteiger auf rund 44 Meter über Grund. Langsam fährt der Korb mit uns an Bord an den Baumkronen vorbei und bleibt gut 10 Meter über den höchsten Gipfeln stehen. Der Blick schweift über das Stromberggebiet bei Heilbronn über Pforzheim, Straubenhardt bis hin zu den höchsten Schwarzwald-Enzplatten beim Windpark Simmersfeld. Fast schon meditativ schwankt der Korb leicht im Wind und wir sind als Neulinge froh, dass es an diesem Tag wettertechnisch ziemlich ruhig ist und sich nur ein schwacher Wind regt.

Als BUND-Nordschwarzwald sind wir auf die Ergebnisse der Artkartierung gespannt. Positiv zu erwähnen sind die offensichtliche Transparenz und die sorgsam durchgeführte Artkartierung im laufenden Verfahren.

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