In den Pilzen mit Bernd Miggel

Wenn es Exkursionen im Umweltbereich gibt, die unter Garantie ausgebucht sind, dann sind es Pilzexkursionen. Was macht diese Faszination aus? Allein die Anzahl ist beeindruckend. Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie e.V. (DGfM) schätzt, dass es bei uns rund 14.000 pilzlicher Organismen gibt. Steinpilz, Pfifferling und Fliegenpilz sind relativ leicht auseinanderzuhalten. In den allermeisten Fällen ist die Pilzbestimmung aber nicht einfach. Manchmal macht der Geruch den Unterschied und ein anderes Mal sind es die Sporen. Pilze sind dabei mehr als nur der sichtbare Fruchtkörper. Mit ihrem Myzel spinnen sie im Untergrund ein Geflecht und sind unverzichtbar für eine Vielzahl ökologischer Funktionen. Mit der passenden Wetterlage und ein bisschen Glück geht man von einer Pilzexkursion mit ein paar essbaren Exemplaren nach Hause und hat die Grundzutaten für ein tolles Herbstgericht gefunden – ganz ohne Verwechslungsgefahr.

Kuehneromyces mutabilis / Gemeines Stockschwämmchen  (Patrick Maier / BUND-Nordschwarzwald)

Der Wetterbericht für den 23.10.2020 ist verheißungsvoll. Morgens trocken, nachmittags regnerisch und nicht zu kalt. Da der September und Oktober durchschnittliche Niederschlagsmengen brachten, sind wir guten Mutes, dass wir auf unserer relativ spontan anberaumten Kennenlern-Exkursion auch Pilze finden würden. Ich treffe Bernd Miggel an der Schwanner Warte bei Straubenhardt. In einem normalen Jahr hätten wir uns wahrscheinlich schon deutlich früher kennengelernt und wären heute gemeinsam mit vielen anderen Pilzinteressierten zur alljährlichen Pilzexkursion losgezogen. Dieses Jahr ist aber mit Corona kein gewöhnliches Jahr und so komme ich in den Genuss einer persönlichen Führung.

Bernd Miggel ist schon sein ganzes Leben im Wald. „Meine Eltern“, so Miggel, „haben mich nach dem Krieg mit 3 Jahren mitgenommen, auf einer Decke abgesetzt und sind dann losgezogen und haben Pilze gesammelt. Die Liebe zur Natur und das Interesse an Pilzen wurde mir so in den Schoß gelegt.“ Trotzdem hat Bernd Miggel nicht Biologie studiert, sondern einen Ingenieurstudiengang für Elektrotechnik absolviert und an der Entwicklung von Industrie-Computern gearbeitet. Die Natur hat ihn aber nie losgelassen. Über die Jahre hat sich Miggel einen großen Erfahrungsschatz in der mikroskopischen Holzbestimmungen erarbeitet, erforscht das Leben der Pilze und hat sich dabei unter anderem auch an Spezialthemen wie an Holz wachsende Pilze eingearbeitet und darüber ein Buch geschrieben. (Holzbestimmung mit dem Mikroskop, Miggel, IHW Verlag, 2017) Mit seinem Mikroskop untersucht er dabei kleinste Zellstrukturen, schickt Proben ins Labor und erstellt genetische Analysen. Außerdem arbeitet gerade an einer georeferenzierten Darstellung von Pilzfunden.

Russula sardonia / Zitronenblättriger Täubling / Säufernase  (Patrick Maier / BUND-Nordschwarzwald)

Ich habe das Gefühl, dass er etwas über mein Körbchen schmunzelt, das ich zum Treffpunkt mitgebracht habe. „Vielleicht finden wir auch ein paar Pilze, die Sie mitnehmen können“, ruft er mir zu und es geht los. Ziemlich schnell verstehe ich, was er damit meint. Schon nach wenigen Funden sehe ich, dass es hier nicht darum geht, einen Korb voller Speisepilze zu füllen, sondern darum, welchen Platz und welche Funktionen Pilze im Ökosystem einnehmen und den Wald erst zu dem machen, was er ist. Die Begeisterung von Bernd Miggel ist ansteckend. Zu fast jedem Pilz erzählt er eine Geschichte, weiß, wo er wächst und kennt die Besonderheiten. Es ist ein Erlebnis für alle Sinne. Scharf schmeckt der Hohlstieltäubling auf der Zungenspitze, der Rettichhelmling riecht – wie der Name schon andeutet – deutlich nach Rettich und der Stiel des Falschen Pfifferlings ist instabil, wenn man ihn leicht schüttelt. Miggel lacht verschmitzt und erklärt: „Wenn er wackelt, ist’s der Falsche Pfifferling. Eine einfache Möglichkeit, um ihn vom Echten Pfifferling zu unterscheiden.“

Hygrophoropsis aurantiaca / Falscher Pfifferling  (Patrick Maier / BUND-Nordschwarzwald)

Bei aller Freude gibt es auch einige Aspekte, die Miggel nachdenklich stimmen. „Auch bei den Pilzen nehmen wir den Klimawandel wahr. Wir finden immer häufiger wärmeliebende Arten aus dem Mittelmeerraum und viele Pilze leiden unter der Trockenheit.“ Die nicht heimische Douglasie, die wir im Wald finden, sieht er kritisch. „Es dürfen nicht zu viele werden. Die Pilze können sie kaum nutzen. Im Bereich von Douglasien finden wir nur daher sehr wenige Pilze.“ Wie in vielen anderen Umwelt-Bereichen ist die Zukunft auch im Feld der Pilzkenner eine ungewisse. „Es ist sehr mühsam sich in die Thematik einzuarbeiten und auch wenn man sich gut auskennt, kann es bei einem unbekannten Pilz eine halbe Woche dauern, bis man ihn bestimmt hat.“

Impressionen  (Patrick Maier / BUND-Nordschwarzwald)

Nach etwas über 2 Stunden sind wir wieder am Treffpunkt angelangt. Mein Körbchen hat sich zu meiner Freude doch etwas gefüllt. Das was aber hängen bleiben wird, sind die vielen Eindrücke und ist die Hoffnung darauf, dass wir im nächsten Herbst wieder eine gemeinsame Exkursion machen können – mit oder ohne Pilze. Vielen Dank, Bernd Miggel!

Wer jetzt Lust bekommen hat, mehr über Pilze zu erfahren und nicht bis zum nächsten Herbst auf die BUND-Exkursion mit Bernd Miggel warten möchte, kann im Pilzzentrum Hornberg das ganze Jahr über Pilzkurse besuchen.

 

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